Die Storys
Nach einem Strandtag am Stotternheimer See fuhren wir am Nachmittag mit dem Bus zurück nach Erfurt, als ein Mann meine Freundin anstarrte und anfing, zu masturbieren. Ich habe es im Bus selbst nicht gemerkt. Meine Freundin hat mir erst davon erzählt, nachdem wir ausgestiegen waren. Sie fühlte sich natürlich extrem unwohl.
Wir haben danach nicht mehr über den Vorfall gesprochen. Ich wusste auch nicht, wie ich meine Freundin unterstützen kann. Ich war ungefähr Anfang 30, meine Freundin Ende 20, wir haben zu der Zeit beide in Erfurt studiert.
Was kann man in einer solchen Situation tun?
Wo kann man solch einen Vorfall melden?
Und warum haben wir eigentlich nicht darüber gesprochen, was ihr da passiert ist?
Zwei Frauen, 30 Jahre, Erfurt
Ich war auf einer Faschingsveranstaltung in meinem Heimatort. Während des Tanzens wurde mir an den Po gefasst und versucht, mich zu küssen. Als ich das nicht toll fand, kam nur die Reaktion: ‚Hab dich doch nicht so. Beim Fasching gilt immer noch Kussfreiheit.‘
Es fühlte sich nicht richtig an, aber ich wollte nicht als zickig gelten, deshalb habe ich nichts gesagt. Auch andere Frauen und Mädchen aus meinem Umfeld machten diese Erfahrungen. Alle fanden es doof, aber keine von uns hat sich gewehrt. Die Männer, die ich auf ihr Fehlverhalten hinwies, verbreiteten dann Lügen über mich. Seither ist Fasching für mich nicht mehr schön. Ich meide generell die Veranstaltungen in meinem Heimatort, besonders aber Fasching.
Was mir geholfen hätte: dass diese Grabscherei nicht geduldet wird. Wir brauchen grundsätzlich mehr Zivilcourage. Wegsehen darf nicht mehr normal sein!
Weiblich, Mitte 50, Kreis Sömmerda
Bei meinem letzten Arbeitgeber drängte mich ein Kollege wiederholt, ihm meine privaten Kontaktdaten zu geben. Die Bedrängnis und anzüglichen Kommentare nahmen immer mehr zu. Als ich das der Geschäftsführung meldete, hieß
es nur: ‚Sei nicht so empfindlich. Außerdem bringt er Umsatz.‘
Auf der Firmenfeier griff er mir beim Vorbeigehen unter den Rock und an den Hintern. Laut rief er: ‚Endlich hab ich ihn.‘ Alle sahen zu. Kolleginnen trösteten mich, von Männern kamen teils abwertende Blicke. Ich fühlte mich beschmutzt und ging
täglich mit der Angst zur Arbeit: ‚Was passiert als Nächstes? Werden meine Azubis und Kolleginnen das auch durchmachen müssen?‘
Nachdem ich rausgeekelt wurde und kündigte, erfuhr ich, dass zwei weitere Kolleginnen wegen sexueller Belästigung des Kollegen den Job gewechselt haben. Der Vorfall belastet mich bis heute: Ich scanne männliche Kollegen übermäßig und meide große Menschenmengen.
Als Schülerin wurde ich aus der Computer-AG geworfen, mit dem Kommentar, dass ich ein Mädchen sei. Ich wusste damals nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Das Machtgefälle zwischen meinem männlichen Lehrer und mir, als Schülerin, war mir sehr bewusst. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich dagegen hätte wehren sollen.
Als Folge nahm ich nicht mehr an der AG teil und beschäftigte mich für einige Zeit kaum noch mit IT. Erst im Zweitstudium merkte ich, dass mir Informatik doch sehr liegt. Mir fehlten aber im Vergleich zu meinen männlichen Kommilitonen einige Grundlagen, das machte es schwerer für mich. Ich musste mich durchbeißen, aber heute bin ich Informatikerin.
Ich hätte mir damals mehr Empowerment für Mädchen gewünscht, damit sie sich auch gegenüber ihren Lehrkräften behaupten können. Außerdem hätte es an unserer Schule mehr Haltung der Lehrpersonen gegen Diskriminierung gebraucht.
Mein Mann hat uns beim Sex im Schlafzimmer gefilmt, ohne dass ich davon wusste. Die Videos stehen jetzt im Internet und ich werde deshalb von Bekannten mit Nachrichten und D*ckpics belästigt. Ich fühle mich seitdem sehr schlecht, zuerst wusste ich gar nicht was ich tun soll. Ich habe versucht Anzeige zu erstatten, aber der Brief kam zurück. Mir hat sowohl die Zeit als auch die Kraft gefehlt, persönlich noch einmal bei der Polizei vorzusprechen.
Es handelt sich bei dem Täter um einen großartigen Familienvater, einen fürsorglichen Ehemann, von dem niemand so etwas erwarten würde.
Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter und in meinem engsten Umfeld noch mit so etwas konfrontiert werde. Ich bin unendlich enttäuscht und habe mich in psychologische Betreuung begeben. Ich weiß nicht so richtig, wie es jetzt weitergehen soll.
Weiblich, Anfang 60, Wartburgkreis
Mein Chef unterstellte mir regelmäßig, dass ich manches eben nicht kann, weil ich eine Frau und damit zu emotional bin. Ich bin eigentlich non-binär und habe mich dort bewusst entschieden, als Frau aufzutreten. Meine Regenbogen-Buttons hat er auch ständig ab lehnend kommentiert. So konnte ich mich an meinem Arbeitsplatz nie so zeigen, wie ich bin und wurde nicht ernstgenommen.
Alle anderen Kolleginnen haben nie den Mund aufgemacht, ich denke sie waren froh, wenn er nett zu ihnen war und sie nicht selbst zur Zielscheibe wurden. Er überschritt regelmäßig Grenzen und es führte so weit, dass ich gekündigt habe. Für mich war die Situation nur so zu lösen.
Was mir geholfen hätte: Eine Person am Arbeitsplatz zu haben, die meinem Chef eine klare Grenze setzt.
Weiblich gelesen, Anfang 40, Erfurt